Hegels Plan war es, eine idealistische Psychologie zu schreiben; dieses Buch wurde aber nie geschrieben. Im Kontext der Geschichte haben auch Schüler von ihm immer wieder versucht, eine „Pyschologie aus dem Begriff“ zu schreiben, jedoch hat sich dieser Ansatz nie durchgesetzt.

Im Zuge der Entstehung des gesamten Systems Hegels, kam es immer wieder zu Umarbeiten und Veränderungen. Zunächst wurden einige religiöse Texte und sogenannte Positionierungsschriften geschrieben, wie die berühmte Differenzschrift.

In dieser Schrift waren bereits viele Ideen und Standpunkte der PdG vorgezeichnet. Es folgt das hervorragende Werk der Phänomenologie des Geistes. Ein Buch, welches eine magische Anziehungskraft ausübt und sich am besten mit folgendem Gedanken beschreiben lässt: Es sind kleine Drehbücher, die auf eine ungewöhnliche Weise ineinander greifen. Der Titel des Buches

sollte eigentlich einmal „Erfahrung des Bewusstseins“ lauten. Und ebenso wie die Schwierigkeit eine Einleitung oder Einführung in das System Hegels zu schreiben, ist es mit dem System selbst. So ist die Einleitung zur PdG eine Form der Einführung, man kann die PdG selbst als die große Einführung in Hegels spekulatives System betrachten und ebenso auch die Wissenschaft der Logik. So beginnt dort alles beim Sein, welches in seiner Reinheit noch keine Form von Bezug hat und so zum Nichts wird. Erst das Werden verbindet dann das gerichtete, konkret gefüllte Dasein mit dem Nichts und so entsteht aus keiner schlechten Form der Unendlichkeit nun das gesamte System. Wir haben aus heutiger Sicht in der Tat den Vorteil auf mehrere mögliche Einführungen in das System zurückzublicken.

Man kann den Einwand vorbringen, Hegel würde lediglich üben, denn erst in seinem späteren Werk sind die Methode der Spekulation sowie seine Gedanken zu Gesellschaft und Geschichte in Vollendung gebracht worden. Es scheint so, als ob in der Verflechtung von Intelligenz und Wille, der Wille in den Grundzügen der Philosophie des Rechtes einen Vorrang erhält, während der Teil, welcher einmal Psychologie werden sollte, in den Hintergrund rückt und manchmal als der schwächste Teil in Hegels System gelten soll. In der EdW ist die Phänomenologie neben der Psychologie und der Anthropologie auf ein Zwanzigstel seiner Ursprungsgröße geschrumpft. Behandelt die Anthropologie noch die Seele, die mit dem Wirken des Geistes noch stark an die Natur gekoppelt ist, so löst diese sich in der Phänomenologie stärker von der Natur ab. Das Scheitern der Erfahrung des Bewusstseins schwingt sich bis zum Selbstbewusstsein empor, sogar noch zur Intersubjektivität, die im Ursprungswerk noch Beispiele aus der Geschichte enthält. Die Psychologie hat als Inhalt den Geist und an dieser Stelle des Systems handelt von den einzelnen Kompetenzen. In späteren Schriften wird die Phänomenologie fast ganz verschwinden.

Ist der große Philosoph selbst niemals dazu gekommen, eine vollständig ausgearbeitete Psychologie des Geistes zu schreiben? War sein Hauptaugenmerk auf andere Themen gerichtet, die ihm wichtiger erschienen? Ist die Aufgabe eine Psychologie des Begriffs zu gewinnen zu schwer, als das diese in Angriff genommen werden konnte? Ich denke, dass Hegel die Ausarbeitung des Willens in eine Philosophie des Rechts und seine weiteren Schriften in der Tat als wichtiger oder wirkungsvoller erschienen. Allgemein ist zu beachten, dass die großen Psychologen fast nichts zu Hegel geäußert haben. Freud selbst nennt Hegels Texte dunkel und gibt zu, die Texte auch fast nur in Sekundärquellen studiert zu haben. Jung lehnt Hegel nach kurzer Beschäftigung ab. Karl Bühler möchte die Gliederung Hegels in Anthropologie, Phänomenologie und Psychologie übernehmen und zu einem begreifenden Ganzen zusammenfassen. Wilhelm Wundt wirft Hegel vor, die wahre durch eine phantastische Wirklichkeit zu ersetzen, da Hegel das Ding an sich oder die eigentliche Realität wegwirft. Hegels Psychologie ist nach Wundt völlig fruchtlos und er schreibt dazu:

„In dieser Bestand die Leistung der neuen Philosophie lediglich in einer Einordnung der alten Vermögensbegriffe in die Schablone einer dreigliedrigen, gekünstelten Dialektik. Eigentlich glänzt die Psychologie durch ihre Abwesenheit. Die Vermögenspsychologie hätte doch wenigstens bei den einzelnen Vermögen, Beschreibungen einiger komplexer Erscheinungen zu geben, versucht.“

Die Dreigliederung des Geistes kann bei fünf Sinnen oder einer Vielzahl von Eigenschaften in Kritik geraten, allerdings nur dann, wenn man dies als reinen Zahlenformalismus versteht und nicht wie Hegel als spekulative Methode eines Aufeinandertreffens der verschiedenen Positionen, die sich durch ihre Aufhebung reflexiv verhalten.